Voß, Gerda-Marie
Voß - Heimat - Georg Ettl - Retrospektive

Bestell-Nr 04800
ISBN 978-3-87448-463-3
erschienen 18.11.2015
Rubrik Kunst und Kultur
Umfang 140 Seiten
Maße 24,0 x 24,0 cm
Gewicht 840 g
Einband Hardcover mit Fadenheftung
Preis 42,00 inkl. 7% MwSt
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Der Künstler Georg Ettl hat durch sein Interesse und sein enormes gestalterisches Einfühlungsvermögen wie kaum ein anderer die Entstehung der Villa V geprägt. Sein Werk, das die Villa V im Rahmen der HEIMAT -Retrospektive beherbergt, ist zwischen Nittenau, Detroit und Viersen entstanden. Diese Orte bilden, wenn man so will, einen räumlich-geografischen Anknüpfungspunkt für die Heimat Georg Ettls.
Doch gerade angesichts der getakteten Logbücher zeitgenössischer Biografien liegt die Qualität des Heimatbegriffs in der Frage nach der inneren Verortung. Heimat muss nicht als passives Gebundensein an einen begrenzten Raum verstanden werden, als vorgegebener Wohnraum, in dem der Einzelne seinen Gewohnheiten machtlos gegenübersteht. „Sich Beheimaten“ kann ein aktives Gestalten wechselnder Lebenswelten bedeuten und in diesem Tun der eigenen Welt- und Raumerfahrung folgen. Heimat liegt so immer auch in der kritischen Auseinandersetzung mit der Umwelt, wie sie im Schaffen Georg Ettls gewahr wird.

Auch die Villa V möchte ihre Akteure dazu anstiften, ihren Raum mit Kunst und Denkanstößen anzureichern. Georg Ettl war einer der ersten, der dieses Angebot wahrnahm. Der Status quo ist ein Prozess, der das Gewohnte und das Wohnliche ständig neu aushandelt. Ettls Werk beweist immer wieder, wie Raum – selbst in zweidimensional abstrahierter Form – als gestalterische Ressource zum Tragen kommen kann. Besonders lässt mich Ettls Dornröschen, mit seiner scherenschnittartig reduzierten Formensprache, leicht in die Schräge gekippt und trotzdem fest im Raum verankert, daran denken, wie Kunst den Alltag und seine Räume prägen kann. Es liegt eine immanente Ästhetik im Nutzen der Dinge, genauso wie in der Ästhetik Bedeutung und Nutzen liegt. Der Raum ist da, um ergriffen zu werden. Vielleicht sogar, um eine Art Heimat zu gestalten.

Die Kunst Georg Ettls ist im besten Sinne raumgreifend. Jedes Objekt für sich provoziert durch seine nicht zu verneinende Präsenz im Raum einen Affekt im Betrachter. Durch präzise Fertigung und industrielle Materialien ist das Werk so konkret wie der Beton, der Stahl, der Schichtstoff, der Kunst- und Baustoff, aus dem es gefertigt ist. Es passt sich ohne Allüren in die Umgebung ein. Georg Ettls Denken ist in der Materialität der Dinge verhaftet. So greift der Künstler Georg Ettl mit gestalterischer Totalität in den Alltag ein, übersetzt unsere Welterfahrung in teils beunruhigende Eindeutigkeit, wodurch selbst alltägliche Narrativen eine gewisse menschliche Brutalität entfalten können. Die Kopflosen, Schwimmer, Tänzer und
Engel – sie begegnen uns nicht nur im Werk Ettls.

Das alles trägt nicht unbedingt zu einer uneingeschränkt harmonischen Raumerfahrung bei. Jedenfalls geht es nicht um jene Harmonie, die der Heimatbegriff zu transportieren scheint. Auf die Frage, ob ein Haus ein Wohnzimmer mit Sofapolstern und Abstelltischchen braucht, um sich darin heimisch zu fühlen –
wie sie oft in Diskussionen um die ViLLa V aufkommt –, hätte Georg Ettl sicher keine eindeutig bejahende Antwort parat gehabt. Er hätte seine Antwort wohl eher in Beton gegossen.

Vielleicht möchte man Ettls kunsthistorisches Bewusstsein befragen: Heimat als sinnstiftende Kategorie, ist das überhaupt zeitgemäß?

Seine in ihrer Abstraktion beinahe universale Gültigkeitsansprüche erhebende Formensprache lässt besonders über die eigene Lebenswirklichkeit und deren empfindliche Verhaftung an Orten und subjektiven Orientierungspunkten nachdenken. Über postmoderne Verlorenheit und in Virtualität ausgelagerte
Erfahrungshorizonte fragt man sich: Sind es überhaupt noch bestimmbare Orte, von denen wir sprechen? Immer auch bedeutet Heimat ein komplexes Raum-Zeit-Gefüge an Bedeutungszuschreibungen, persönlicher und – im Falle Ettls – (kunst-)historischer Art. Heimat ist ein Netz aus emotionalen Konnotationen, die
Orientierung des Einzelnen im breiten Identifikationsangebot vielfältiger Lebenswelten bedeutet, und das auch in der Auseinandersetzung mit Vergangenheit. ein Austausch zwischen Heute und Damals auf der Grundlage gegenseitiger Reminiszenzen.

Das vorliegende Buch macht es sich zur Aufgabe, die persönliche, künstlerische, in Zeit und Raum verankerte Heimat des Künstlers Georg Ettl zu rekonstruieren. Die einzelnen Knotenpunkte dieses netzhaften Gewebes werden von Familie, Freunden und Wegbegleitern mit ihrer jeweils eigenen Sichtweise auf Künstler und Werk zusammengetragen.

Gerda-Marie Voß

Heimatsuche - Biographisches zum Werk von Georg Ettl

Obwohl sich das künstlerische Schaffen nur mit Vorsicht aus der Biographie eines Künstlers herleiten lässt, möchte ich doch im Folgenden versuchen, aus der familiären Nähe ein paar Punkte zur Biographie meines Bruders etwas ausführlicher
darzustellen, als dies bisher geschehen ist. Dabei will ich der Frage nachgehen, inwiefern die Heimaterfahrungen seiner Kindheit und Jugend in Nittenau einerseits und seine Erfahrungen in den USA andererseits für sein künstlerisches Schaffen von Bedeutung sind.

Zwar verlässt Georg sein Zuhause schon 1958, betrachtet Nittenau und den ostbayerischen Raum jedoch zeitlebens als seine Heimat, ein gefühlsmäßiges Hängen an der Landschaft, der Kultur, den Bekannten und Verwandten und — bis zum Tode unserer Eltern — am Elternhaus.

Neben dieser ersten Heimat werden ihm die USA später zur zweiten Heimat. Heimat ist für jeden, der dieses Gefühl kennt, zunächst die Familie und das Haus, in dem er aufwächst. Es ist jene Sicherheit und Geborgenheit, die er erfährt. Heimat ist für uns zunächst ein ländliches Gasthaus mit eigener Landwirtschaft, das Elternhaus der Mutter, in dem wir lange wohnen. Heimat ist aber auch die Erfahrung des
Abrackernmüssens der Eltern, um als Arbeiterfamilie, gerade in den Nachkriegsjahren, durchs Leben zu kommen bzw. um es zu einem bescheidenen Wohlstand zu bringen. Heimat ist jener kleine Markt Nittenau, ein gewachsener Ort, die Überschaubarkeit des Zusammenlebens, wo man jede Straße, jedes Gässchen und seine Bewohner kennt. Es ist auch die Naturnähe des Lebens, vom Baden im Regen über das Schwammerlsuchen und Beerenpflücken, das wir im Sommer
und Herbst oft fast täglich wegen des kleinen Verdienstes machen, bis zum Mitarbeiten in der bäuerlichen Landwirtschaft. Heimat ist also jenes ländliche Bayern, nicht industrialisiert, nicht zubetoniert, auch mit den typischen Verhaltensweisen und Moralvorstellungen.

So ist auch eine typische, ländlich bayerische, katholische Religiosität zu Georgs heimatlichen erfahrungen zu zählen. Die religiöse erziehung – vor allem seitens der Mutter, später dann der Lehrer und Geistlichen — und das religiöse Leben sind ein wichtiger erlebnishintergrund der Kindheit und Jugend meines Bruders.

Er ist viele Jahre Ministrant und erlebt die Liturgie, die ja vor dem II. Vatikanischen
Konzil sinnlicher und zugleich jenseitiger war als die heutige, aus allernächster Nähe.
Ein Hochamt im alten Ritus in der Barock-Rokkoko-Kirche, zumal an den Feiertagen; hier liegen wichtige ästhetische Eindrücke. Der Sozialpsychologe Alfred Lorenzer hat auf die Bedeutung dieser religiösen Symbole und Riten mit ihrer Sinnlichkeit hingewiesen, die die ganze Persönlichkeitsstruktur und speziell die Wahrnehmung einer Person präge. Jene frühe Spannung aus mystischer Sinnlichkeit und Bewusstsein konstituiere Phantasie, angefüllt mit vielen unerfüllten Träumen und Sehnsüchten.

Hubert Ettl

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