Zum Buch
Fünf Jahre nach Erscheinen seines Buch „Ende des Beschweigens“ über das Humanistische Gymnasium Viersen während der Zeit des Nationalsozialismus präsentiert der Lokalhistoriker Thomas Menzel jetzt seine Forschungsergebnisse zum Mädchengymnasium Viersen.
Im ersten Teil geht es um die Geschichte des Mädchengymnasiums von den Anfängen als Höhere Töchterschule über das Lyzeum und die Oberschule für Mädchen unter den Nationalsozialisten bis zum Städtischen Mädchengymnasium.
Im mittleren Teil steht der schulische Alltag während des Nationalsozialismus im Fokus: Veränderte Unterrichtsinhalte, ständige Indoktrination u.a. durch NS-Gedenktage, Filmvorführungen, Hitlerkult und nationalsozialistische Propaganda durch den Bund Deutscher Mädchen (BDM).
Der Autor nennt die gesetzlichen Grundlagen der Nationalsozialisten für Diskriminierung und Ausgrenzung jüdischer Mitbürger. Er verfolgt eindrucksvoll Verbleib und Lebenswege der jüdischen Schülerinnen und deren Eltern. 1935 gab es in Viersen keine einzige jüdische Schülerin mehr. Für Ilse Pagrach endete das Leben am 16. Juli 1943 im Vernichtungslager Sobibor. Zusammen mit Ehemann Samuel und ihrer Mutter wurde sie in der Gaskammer ermordet.
Der Autor beschäftigt sich dann mit der schwierigen Phase beim Wiederaufbau der ausgebombten Schule bis zum Neubau 1956. Bis dahin fand der Unterricht im Schichtwechsel mit dem Humanistischen Gymnasium an der Wilhelmstraße statt.
Anhand von Entnazifizierungs- und Personalakten des Landes- und Bundesarchivs werden Im letzten Drittel der Arbeit detailliert Eintrittsgründe, Verhalten und Mitgliedschaften der Lehrerinnen und Lehrer in der NSDAP und anderen NS-Organisationen dargestellt. Kritisch werden unter Berücksichtigung der vorgebrachten „Persilscheine“ ihre persönlichen Erklärungen - „Entnazifizierungsgeschichten“ – beleuchtet. Ergänzt wird dies durch eine differenzierte Darstellung, wie Entnazifizierung in den Anfangsjahren der Bundesrepublik vonstatten ging.
Zum Schluss wird noch ein Blick auf die staatliche Erinnerungskultur in Deutschland geworfen. Menzel hebt die grundsätzliche Bedeutung der Erinnerungskultur bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hervor, vor allem in den Stadtgesellschaften. Dabei werden auch neuere Ansätze und Perspektiven der Erinnerungskultur aufgezeigt. Einen Schlussstrich zu ziehen, wie es ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland fordert, lehnt der Autor bedingungslos ab.
Zum Autor
Thomas Menzel, geboren 1951, besuchte das Humanistische Gymnasium Viersen und leistete nach dem Abitur als Kriegsdienstverweigerer seinen Zivildienst am Allgemeinen Krankenhaus in Viersen ab. Von 1974 bis 1979 studierte er Geschichte, Sozialwissenschaften und Deutsch an der Universität zu Köln. Nach dem Referendariat 1980-1982 war er für ein Jahr am Humanistischen Gymnasium in Viersen beschäftigt. Die Stelle fiel aber den rigiden Sparmaßnahmen im Bildungsbereich zum Opfer. Menzel wurde 1987 vom ehemaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker für sein politisches Engagement gegen Lehrerarbeitslosigkeit als verdienter Bürger des Landes geehrt. Von 1985 bis 1994 hat er als Lehrer und zeitweise als Geschäftsführer im von ihm mitbegründeten Selbsthilfeprojekt Verein zur Bildungsförderung e. V. in Mönchengladbach gearbeitet. Im Oktober 1994 erwirkte er durch eine Klage gegen das Land NRW seine Einstellung an der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss. Neben seiner Lehrertätigkeit war er bis zum Dienstende 2018 in verschiedenen Gremien der Schule tätig und lange Zeit Lehrerratsvorsitzender. Von 1984 bis 2009 war Menzel sachkundiger Bürger im Schulausschuss der Stadt Mönchengladbach. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde er mit dem Schöffensiegel der Stadt geehrt. Menzel ist verheiratet mit einer ehemaligen Lehrerin und hat drei erwachsene Kinder. Seit seiner eigenen aktiven Zeit bei Borussia Mönchengladbach ist er treuer Fan des Vereins.