Schrammen, Burkhard / Winkler, Olaf / Marquardt, Nicole
Gripekoven - Schwellenhaus
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Neuer Preis 7,00 Euro
Bestell-Nr 950
ISBN 978-3-87448-321-6
Rubrik Lyrik
Maße 17,5 x 11,0 cm
Gewicht 90 g
Einband Hardcover mit Fadenheftung
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ARCHITEKTUR ALS GEBAUTES –
ZUR HALTUNG VON SCHRAMMEN ARCHITEKTEN

OLAF WINKLER

Dass die Komplexität von Architektur heute zugenommen habe, ist eine viel diskutierte These. Sie ist richtig, weil sich die Kräfteverhältnisse im Schaffensprozess von Architektur in den letzten Jahrzehnten verschoben haben. Bauherrenschaften sind unübersichtlicher geworden; in vielen Fällen stehen den Architekten nicht eine einzelne Person oder begrenzte Gruppe als Auftraggeber gegenüber, sondern differenzierte Institutionen, zu denen darüber hinaus unterschiedliche rechtliche und wirtschaftliche Kontrollebenen treten. Architekturbüros differenzieren sich ihrerseits aus, in Relation zu diesen Auftragssituationen, aber auch aufgrund der Architektur immanenter Entwicklungen. Anspruchsvollere Technologien, die mit der Digitalisierung ebenso zusammenhängen wie etwa mit energetischen Fragestellungen, führen zu umfangreicheren Planungsteams mit ausgewiesenen Expertisen; Koordination ist ebenso wichtig wie das Entwerfen selbst. Zudem wächst die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, was erfreulich ist, doch die Vielfalt der betroffenen Interessen auch deutlicher macht.

Zugleich führt die eingangs zitierte These ein wenig in die Irre, weil sich Kernfragen der Architektur keinesfalls geändert haben. Beim Schaffen von Architektur geht es weiterhin darum, funktionale und zugleich ansprechende, zeitgemäße und zugleich dauerhafte Umgebungen zu erdenken und zu realisieren. Sie sollen für unterschiedlichste Nutzer geeignet sein und gleichzeitig den ganz individuellen Bedürfnissen des Einzelnen Raum geben, auf eine Weise, die sie ihrerseits in das Vorhandene, in den Kontext einpasst.

Dazu gilt es für den Architekten, Entscheidungen zu treffen, die verantwortlich und umsichtig sind und somit innerhalb abzuwägender Alternativen eine begründete Wahl darstellen. Burkhard Schrammen, der mit den Planungen seines Architekturbüros die Fähigkeit zu solch begründeten Entscheidungen immer wieder unter Beweis stellt, hat das folgendermaßen formuliert: »Es gibt eine Vielfalt von Möglichkeiten, mit Bauen, mit Architektur, mit gesellschaftlichen Einstellungen umzugehen.« Der Satz stammt aus dem Text, den Schrammen der Publikation zum 20-jährigen Bestehen seines Büros voranstellte. 2008 war dies – seitdem sind weitere zehn Jahre vergangen, in denen das Büro mit Sitz in Mönchengladbach erfolgreich weitergearbeitet, Preise gewonnen, Bauten realisiert hat. Der Satz wirkt dabei zunächst sehr allgemein, ist aber wichtig und bemerkenswert – verrät doch der genauere Blick auf ihn bereits viel über die ganz spezifische Haltung Schrammens und seines Büros: über das Selbstverständnis und die Herangehensweise an die Arbeit des Architekten. So ist es zum einen keineswegs Zufall, dass hier ganz konkret das Bauen zuvorderst genannt wird. Burkhard Schrammen schloss sein Studium 1982 an der RWTH Aachen ab; seine Lehrer, allen voran Fritz Eller, stammen aus einer Generation, die sowohl das praktische Bauen der Nachkriegsmoderne als auch die unruhigen und theoriegeprägten Phasen rund um die späten 60er- und 70er-Jahre miterlebt und ihre Erfahrungen weitergegeben hat. Vor diesem Hintergrund ist es einzuordnen, dass Schrammen selbst seine berufliche Laufbahn im akademischen Kontext an Ellers Aachener Lehrstuhl für Entwerfen von Hoch- und Industriebauten begann, sich dann aber bewusst für die Praxis entschied: für das tatsächliche Erschaffen von Räumen, die der Belebung dienen und sich ihr stellen.

Zum zweiten hat der Begriff der Vielfalt in diesem Satz keinen negativen Klang, im Gegenteil. Im einzelnen Entwurfsprozess gilt es, innerhalb der Möglichkeiten die richtige Wahl zu treffen; im Gesamtwerk des Büros Schrammen Architekten aber ist die Vielfalt – im Sinne der Bauaufgaben, im Sinne auch einer Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Bauherren und Nutzern – genuiner Charakterzug. Auch ihn eignete sich Schrammen schon während der Hochschulzeit an; insbesondere das breite Spektrum an Wettbewerben, die das Büro in den Jahren seines Bestehens absolviert und gewonnen hat, ließ daraus ein Kontinuum werden. Diese Offenheit, die eine Festlegung auf einige wenige Typologien ebenso wie eine stilistisch eingeengte »Handschrift« vermeidet, bedeutet, dass der Architekt weder als Ideologe noch als Konstrukteur einer wiederkehrend ähnlichen »Maschine« verstanden wird, sondern als jemand, der immer wieder neu Räume kreiert, die gemäß menschlichen Bedürfnissen Zusammenhänge schaffen. Die konkrete Funktion bzw. Nutzung und jene Bedürfnisse bestimmen das »Wie«.

Dieses »Wie« schließt, dritter Stichpunkt des zitierten Satzes, jene gesellschaftlichen Einstellungen ein, die nichts anderes meinen, als wie wir uns gemeinsam in Stadt und Häusern aufhalten und in ihnen interagieren – zeit spezifisch und über Zeiten hinweg. In der Architektur von Schrammen Architekten, die in ihrer Erscheinung immer wieder die tiefgreifende Kenntnis der Moderne erkennen lässt, geht es dabei nicht – wie zuweilen noch in eben jener Moderne des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts – um Dogmen, wie der Mensch zu leben habe, sondern um das Erschaffen eines Ortes, der durch seine dezidierte Offenheit seinerseits Wahlmöglichkeiten des Nutzers und damit vielfältige Interaktion erlaubt.
Dies bedeutet, dass die Architektur nicht dominant, sondern im besten Sinne dienend ist.

Eines, wenn nicht das wichtigste Kriterium wird so jenes des Raums. Letzterer ist nicht abstrakt-theoretisch gedacht, sondern ganz konkret: Raum »im Großen« als Gefüge einzelner Räume »im Kleinen«, die vom tatsächlichen Gebrauch und Erleben ausgehen. Ausschlaggebend sind grundsätzliche Fragen dicht am Alltag des Menschen: Wie trete ich in ein Gebäude ein, wie leitet die Architektur mich weiter, wo entstehen Durchblicke, Zusammenklänge, Begegnungsflächen, wo Orte der Privatheit und des Innehaltens? Die übergeordneten Funktionen – Wohnen, Arbeiten, Freizeit, die unser Leben bestimmen und in ihm ineinandergreifen – stehen jeweils am Anfang, über diese Fragen aber erfahren sie ihre Transformation in Architektur und werden im Übrigen auch vergleichbar, ohne dass die konkreten Ergebnisse eine Eintönigkeit erführen. Hinzu kommt, dass das Büro sehr wohl eine Handschrift besitzt, nur dass diese eben nicht formal eingeengt ist. Wenn Schrammen selbst als ein weiteres wichtiges Kriterium die Einpassung in den Kontext nennt, dann ist diese Offenheit eine nicht zu unterschätzende Qualität. Sie mündet niemals in Imitation des Umgebenden, sondern zielt auf zweierlei: Bauten, die ihr Umfeld nicht diktatorisch bestimmen, sondern sich einordnen. Und Bauten, die sich der (sozial-) räumlichen Strukturen rundum bewusst sind und ihrerseits solcherlei Strukturen und Zusammenhänge kreieren.

Der Blick auf jüngste größere Wohnbauprojekte zeigt dies exemplarisch: Sie schaffen eine Einheitlichkeit ohne Monotonie, sie laden zum Bewohnen ein, und sie bauen Stadt fort im Sinne jener räumlichen, gewachsenen Zusammenhänge, die der Architekt am Standort vorfindet. So verbinden Projekte wie der Vituspark in Mönchengladbach oder der Longlife Wohnpark in Nettetal-Lobberich auf jeweils eigene Weise unterschiedliche Bauformen. Vor allem aber fügen sie die Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzer von jung bis alt, von Singles über Familien bis zu generationsübergreifendem oder begleitetem Wohnen zusammen – in grünen, innerstädtischen Ensembles. Die »innere Durchwegung«, sprich die bewusste Nicht-Abgeschlossenheit des Areals, ist dabei wichtiges Element der Verwebung alter und neuer städtischer Strukturen. Gleiches gilt bei den Roermonder Höfen in Mönchengladbach, die Raum zum Wohnen und Arbeiten verknüpfen: Sie schotten beides nicht nach außen ab, sondern definieren ein Quartier, dessen Freiräume entlang eines neugeschaffenen öffentlichen Spazierwegs für jedermann erlebbar werden.

Räumliche Verbindung also statt Trennung: Das bedeutet, dass die Übergänge umso sorgfältiger gestaltet werden müssen, um Kontinuitäten ohne wechselseitige Störungen herzustellen. Man kann das dafür notwendige Denken generell als »städtebaulich« bezeichnen, gerade auch wenn entsprechende Fragestellungen innerhalb eines einzelnen Gebäudes gelten. Bei kaum einer Typologie ist dies so wichtig geworden wie im Bürohausbau, wo es kaum mehr um eine Entscheidung zwischen Einzel- oder Großraumbüros geht. Moderne Arbeitswelten sind geprägt durch variabelsten Austausch, vielfältigste formelle wie informelle Kommunikation und das weite Feld der Digitalisierung, die den individuellen Arbeitsplatz ebenso verändert wie sie die Zusammenarbeit in »Echtzeit« weit über den eigentlichen physischen Raum des Büros erweitert. All das verlangt vom Architekten Lösungen für ein anregendes Miteinander in unterschiedlichsten Raumformen. Ablesbar ist dies etwa beim Um- und Erweiterungsbau für die Vanderlande Industrie GmbH oder beim Projekt Seamless 8, die differenziert Einzelbüros, Besprechungsräume, Think Tanks, Kommunikations- und Pausenzonen kombinieren und so die Dynamik des heutigen Arbeitens in Architektur übertragen. Seamless 8 führt zudem mehrere Firmen eines Unternehmens zusammen. Die Frage von Separatheit und Miteinander wird so um eine zusätzliche Maßstabsebene erweitert, in Räumen, die, aus dieser strukturellen Beweglichkeit heraus erdacht, auch die wichtige Flexibilität gegenüber künftigen Bedürfnissen selbstverständlich in sich tragen.

Kurz gesagt ist es gerade diese Haltung eines variablen Miteinanders, dieses »städtebauliche« Verständnis im weitesten Sinne, die es umso mehr erlaubt, auf die spezifischen Bedürfnisse – beispielsweise nicht nur der Öffnung, sondern auch des Rückzugs, der konkreten Arbeitsweisen des Nutzers und seiner Mitarbeiter – einzugehen. Anders formuliert: In einem Bürogebäude gelten andere Abläufe und Umgangsregeln als im öffentlichen Raum; der einzelne Mensch aber belebt beides, drinnen und draußen, und die Übergänge dazwischen sind nicht hart, sondern geschehen sukzessive. Strukturelle Fragestellungen sind in den unterschiedlichen Maßstäben vergleichbar, bedürfen aber immer wieder ganz spezifischer Antworten. Was letzten Endes bedeutet, auch dort qualitätvolle Architektur schaffen zu können, wo jene Umgebung wenig städtisch wirkt oder nur wenige positive Anreize bietet, wie es allzu oft in Gewerbegebieten der Fall ist. Wenn etwa bei der neuen Logistikzentrale des Bekleidungsunternehmens Zerres in Mönchengladbach ein klarer Baukörper entstanden ist, der über seine weite Glasfassade mit tiefen Einblicken, angemessener Repräsentation und der Lesbarkeit von Architektur und Funktion spielt, wird deutlich, dass der Entwurf wiederum aus einem generellen Verständnis von Öffentlichkeit heraus entwickelt wurde. Für solche Aufgaben räumlich und ästhetisch ansprechende Architektur zu realisieren, ist Zeichen dafür, dass der Architekt gerade auch dort seine Verantwortung annimmt, wo dies keineswegs immer die Regel ist.

Entsprechend lässt sich von einer besonderen Nähe des Büros zu seinen Auftraggebern sprechen. Entwürfen gehen meist Gespräche mit den Bauherren voraus, die sich auf das Verständnis der Bedürfnisse konzentrieren sowie auf erste Beratungen, die noch nicht direkt mit Architektur zu tun haben müssen, sondern die generellen Voraussetzungen des Projekts zu ordnen und zu vermitteln suchen. Basis dafür ist die umfangreiche Erfahrung mit unterschiedlichsten sozialen und funktionalen Fragestellungen in der Praxis ebenso wie in der Theorie, wie etwa die frühzeitige Auseinandersetzung mit Arbeitswelten der Zukunft in Schrammens Promotion. Die zweite Ebene der Nähe ist eine wörtlich zu verstehende: Schrammen Architekten gehören zu den seltener werdenden Vertretern ihrer Zunft, die, wo dies gewünscht und möglich ist, alle Leistungsphasen übernehmen und so von der Grundlagenermittlung über die Realisierung bis zur Objektüberwachung und -betreuung die Verantwortung behalten. Dieser kontinuierliche Kontakt hat zu einem Schwerpunkt an Projekten in Nordrhein-Westfalen und insbesondere im Rheinland geführt – einer gewissen Regionalität, die zugleich die besondere Vertrautheit mit den hiesigen Gegebenheiten, mit (stadt-)landschaftlichen, administrativen und kulturellen Charakterzügen des Kontextes begründet.

Dass Schrammen Architekten gleichzeitig international verbunden sind, schließt daran an. Kooperationen mit einem Londoner Büro für die Bauleitung eines Projekts oder spanischen Partnern bei einem Wettbewerb jeweils in Deutschland nutzen die spezifischen Kenntnisse der Beteiligten zugunsten des Arbeitsprozesses. Dahinter steht zudem ein noch grundsätzlicheres Selbstverständnis, dass nämlich Kooperation und kultureller Austausch bereichernd wirken, ein Standpunkt, der sich auch in der internationalen Zusammensetzung der Mitarbeiterschaft im eigenen Büro abbildet. Diese Offenheit führt zur positiven Vielfalt zurück – und sie ebnet den Weg des Büros in die Zukunft, weil sie Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Bedingungen des Architektenberufs bedeutet. Dazu gehören konkrete Arbeitsweisen wie etwa die weitreichende Umstellung auf 3-D-Software, die die komplexe Integration aller Planungsebenen ebenso wie präzise Kommunikationsformen mit Bauherren und Planungspartnern erlaubt. Dazu gehört auch, innerhalb der Aufgabenvielfalt Schwerpunktsetzungen immer wieder neu justieren zu können und den keinesfalls einfachen, für Schrammen Architekten jedoch erfolgreichen Weg der Wettbewerbsbeteiligungen in unterschiedlichen Feldern stetig weiter zu verfolgen. Und dazu gehören nicht zuletzt Wille und Fähigkeit, die eigene Bürostruktur fortentwickeln zu können, etwa indem neue zuverlässige Hierarchieebenen eingezogen werden. Sie sichern die Balance zwischen der Führung Burkhard Schrammens und kompetenter Entscheidungsfähigkeit der Teamleitungen und verbinden so die Kontinuität des Unternehmens mit der durch Schrammen geprägten Haltung. Im Kern läuft letztere wiederum auf eine bewusste Entscheidung hinaus: Der Architekt wird weiterhin als Generalist verstanden. Dies meint ein breites Spektrum an Aufgaben, eine ebenso breite Verantwortung, vor allem aber eine geistige und kulturelle Offenheit, die die Voraussetzung erfolgreicher Entwurfsarbeit ist.

© Olaf Winkler, geboren 1969, studierte Architektur in Aachen und Wien. Seit 1997 arbeitet er als Architekturjournalist und freier Autor in Schwerte und Brüssel. Von 2000 bis 2012 war er Redakteur der Zeitschriften polis und build. Zahlreiche Buchpublikationen und Jurymitgliedschaften.

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